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  • Julia D. Krammer

DAY#13 THE DIARIES OF C

Aktualisiert: März 26

vulgo: Jules and the cats, eine Heimtragödie in – aller Wahrscheinlichkeit nach – 30 Akten.

Habe drastisch ansteigende Online-Kaufsucht festgestellt. Mindestens einmal täglich bestelle ich etwas auf Amazon (jaja, Shitstorm ist berechtigt, aber wenn ich nicht einmal vor dir offen sprechen kann, liebes Tagebuch, vor wem dann..?). Ich finde dort Dinge, die ich brauche, Dinge, die ich nicht brauche, Dinge, die einfach nur da sind.

Einfach im richtigen Moment da... und durch ihre bloße Anwesenheit Trost versprechend.

Habe erkannt: Amazon ist ganz eindeutig ein #coronawinner.

Amazon besticht aber noch durch ein zweites Versprechen: Den Kontakt zur Außenwelt, denn irgendjemand muss diese Dinge, die ich nicht brauche oder die einfach da sind letztlich zu mir bringen. Schwanke zwischen schlechtem Gewissen (dem Postler gegenüber und ganz grundsätzlich wegen Amazon) und Einsamkeit. Die Einsamkeit gewinnt bei mir immer. Ich bin halt Hedonistin, was soll ich machen.

Abgesehen von katzenartigen Geschöpfen ist also der täglich anklingelnde Postler mein einziges morgendliches Kommunikationsgegenüber. Ich bestelle, er bringt. Da er – im Gegensatz zu meinen Freundinnen – die Sache mit den Katzenohren noch immer nicht verstanden hat, habe ich in seiner Gegenwart oft Schwierigkeiten, mich zu fokussieren: Zu vielfältig ist seine Erscheinung, zu ungewohnt der Anblick eines menschlichen Gesichts in diesen Tagen. Trägt überdies keinen Pelz, der Postler. Dafür neuerdings schwarze Plastikhandschuhe, wo man doch von medizinischem Fachpersonal bei diesen Dingern nur Augenrollen erntet, weil sie „Sobald du schwitzt eh nichts mehr bringen, ebenso wenig wie die Atemmasken.“ (Zitat ENDE) Manchmal ertappe ich mich dabei, nach dem Postler greifen zu wollen, um ihn auf Echtheit zu überprüfen. Bislang konnte ich dem Drang widerstehen, wäre auch wirklich blöd, wo ich doch noch immer mit dem Gesichts-Kratz-Tick und dem Zwangshusten kämpfe.

Resozialisierung, Resozialisierung. Das muss auf lange Sicht mein Ziel sein. Ich darf es nicht aus den Augen verlieren. R E S O Z I A L I S I E R U N G !

Auch beim Postler ist schrittweiser Verfall bemerkbar. War er vor einer Woche noch mit Humor gesegnet und hat sich von mir sogar schriftlich die Übernahme der Pakete bestätigen lassen, kam er vor drei Tagen bloß noch vor die Wohnungstür und übergab mir die Sendung (immerhin!) persönlich, so ist er mittlerweile dazu übergegangen, mich nur mehr mit leicht panischem Kicksen in der Stimme nach unten zu zitieren. Er sagt dann bedeutungsschwere Dinge in die Freisprechanlage.

Er sagt zum Beispiel: „Paket zu groß für Postkasten, auf Boden gelegt. Bitte sofort kommen, holen.“ Unnötige Worte spart er aus, um schnellstmöglich wieder wegzukommen. Seine Sprache verknappt sich mit jedem Tag, der an uns vorüberzieht, ein wenig mehr. Und im Hintergrund der Freisprecheinrichtung hört man ein Rauschen, das mich sofort an den Meeresgrund erinnert, an diese stille Dumpfheit. Oder an kontaminierte Luft (wie in The 100) und Gefahr (ganz allgemein).

Habe bemerkt, dass aber auch darüber hinausgehend eine Realitätsverschiebung in meiner Wahrnehmung einsetzt. Bei meinen täglichen Spaziergängen habe ich das Gefühl, die Luft knistere ganz eigentümlich, es ist, als wäre die Erde nicht mehr die Erde, als wäre sie ein Luftballon. Als müsse man bei jedem Schritt prüfen, ob sie trägt. Die Erde ist schon seit knapp zwei Wochen ein Luftballon, der beim kleinsten Stolpern zu platzen droht.

Kater 2 ist noch immer in Futterstreik. Hat Verbündeten in Kater 1 gefunden, der für Schlimmsein und grundsätzliche Blödsinnigkeiten immer zu haben ist: Gemeinsam sind sie dazu übergegangen, den Schrank mit dem Müll zu öffnen, den Müll zu plündern und über den Küchenboden zu verteilen, wenn ich kurz in einem anderen Raum bin, zum Beispiel auf der Toilette. Habe gelernt: Hätte die Befindlichkeiten von Kater 2 doch ernster nehmen sollen.

Habe noch immer nicht verstanden, wieso ich mit Katzen gesegnet bin, die SCHLIMM UND KLUG sind. Eines hätte doch wahrlich gereicht. Da gibt’s doch diesen politisch völlig inkorrekten Ausspruch mit dem G’scherr, das wie der Herr ist.

In unserem Fall: die Katzen werden mir immer ähnlicher. Nur das mit dem Müll habe ich schon lange nicht mehr gemacht.

#ArtInQuarantine #wortklang #corona #writersinQuarantine

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© 2019 by WORTKLANG.

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