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  • Julia D. Krammer

DAY#20 THE DIARIES OF C

vulgo: Jules and the cats, eine Heimtragödie in 30 Akten.

Die Zeit ist schwer wiederzufinden in diesen Tagen, sie kratzt an meinem Gesicht, hinterlässt Spuren an den Fenstern und Möbeln und auf dem Fußboden, darüber hinaus bemerkt man sie kaum, ich habe die Zeit völlig verloren, seit sich meine Tage so ähnlich sehen.

Ich denke vermehrt über die Frage nach, wann wohl der richtige Zeitpunkt ist, STOPP zu sagen zu all den Dingen, die mir meine Entscheidungsfreiheit und Bürgerinnenrechte so sukzessive absprechen. Es ist ein schwieriges Thema, ein Balancieren zwischen dem, was vernünftig und notwendig ist, ein Wandern zwischen sozialer Verantwortung und der Angst, worauf wir uns hier einlassen, ob wir diese Stiefkinder wieder los werden können, wenn das alles vorbei ist. Die Liste in meinem Kopf wird immer länger, ich zähle mir ständig an den Fingern ab, wozu wir eigentlich unsere stille Zustimmung gegeben haben in diesen Tagen. Ich muss das tun, um nicht zu vergessen, um das, was früher war, nicht vollständig zu verlieren und aus dem Takt zu geraten.

Die Sache mit der Supermarkt-Vermummungspflicht setzt mir ganz schön zu, dass ich nun andere Leute bespitzeln soll, ebenfalls (ich formuliere es so drastisch, weil das meiner Empfindung entspricht), ebenso diese Corona-Apps, die plötzlich rund um mich lobgepriesen werden. Dass wir nun zugunsten eines vermeintlich höheren Ziels dazu übergegangen sind, die Datenschutzgrundverordnung, die wir noch vor Monaten so ernsthaft umzusetzen versucht haben, plötzlich mit Füßen zu treten, unsere Kontakte und Standorte einfach ins Web zu schicken, überschreitet bei mir jedenfalls die Grenze dessen, was ich als erträglich einstufen würde.

Wann ist er also gekommen, der richtige Zeitpunkt, um aufzustehen und NEIN zu sagen? Ich habe keine valide Antwort auf diese Frage, ich habe aber für mich die Strategie entwickelt, alles, dem ich auch ohne Einhaken einer höheren Instanz zustimmen würde, zu goutieren und das, was darüber hinausgeht, zu verweigern, mich entgegenzustemmen, notfalls auch als Einzelkämpferin.

Wir alle entwickeln unsere Mechanismen, mit denen wir dieser veränderten Welt entgegenblicken. Dass sie sich verändert, ist vermutlich nicht mehr aufzuhalten. Ich versuche, das Optimum rauszuholen aus den frei gewordenen Stunden – zu genießen, dass verloren geglaubte Freundschaften wieder aufleben; dankbar um die ökologische Atempause zu sein und das eigene Innehalten-Können zu nutzen, den Fokus auf die Dinge, die in Österreich gut funktionieren, zu richten. Das Durchhalten zu erlernen. Ein lieber Freund meinte letztens, dass er mittlerweile dazu übergegangen ist, sich einzureden, Corona längst gehabt zu haben. Er sagt, es mache ihn gedanklich frei, diese Restriktionen innerlich ignorieren zu können, er könne so besser mit der äußeren Determiniertheit umgehen. Vielleicht war er Patient Null, vielleicht.


Auf jeden Fall ist es an der Zeit, den eigenen Zeitpunkt zu bestimmen, an dem genug einfach genug ist… #corona #wortklang #coronadiaries #wortklang #juliaDkrammer #ArtInQuarantine #writersInQuarantine

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© 2019 by WORTKLANG.

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